Der demografische Wandel wird die Wirtschaft bei der Suche nach Fachkräften vor gewaltige Herausforderungen stellen. In den vergangenen zwei Jahren ist die Zahl der Ausbildungsverträge in NRW trotz guter wirtschaftlicher Entwicklung zurückgegangen. „Das hat uns alarmiert“, sagte Dr. Wilhelm D. Schäffer, Staatssekretär im NRW-Arbeitsministerium. In diesen Tagen fahren daher der Arbeitsminister, sein Staatssekretär und der Abteilungsleiter für Arbeitsmarktpolitik durch Nordrhein-Westfalen und suchen das Gespräch mit den Unternehmern. Und sie werben für das landesweite Programm der Landesregierung „Kein Abschluss ohne Anschluss“, mit dem Jugendlichen der Übergang von Schule in Ausbildung und Studium erleichtert werden soll.

Rund 30 Unternehmer aus der Region Hellweg-Sauerland hatten sich in der IHK in Lippstadt eingefunden, um dem Staatssekretär ihre Erfahrungen mit der Ausbildung junger Menschen, aber auch ihre Zukunftssorgen zu schildern. „Wir werden uns schwer Gedanken machen müssen, wie wir künftig genug qualifizierte Fachkräfte für die Betriebe unserer Region gewinnen und heranbilden können“, sagte Unternehmer und IHK-Vizepräsident Ekkehart Schieffer zu Beginn der Diskussionsrunde, an der auch IHK-Hauptgeschäftsführerin Dr. Ilona Lange und Andrea Bergmann (Kommunale Koordinierungsstelle Kreis Soest) teilnahmen.

Dabei hat gerade Südwestfalen als drittstärkste Industrieregion Deutschlands und Nummer 1 in NRW viel zu bieten, wie Klaus Bourdick, IHK-Geschäftsführer Berufsbildung, betonte: viele inhabergeführte Familienunternehmen, von denen viele sehr engagiert ausbilden. Der Trend der zurückgehenden Ausbildungsverhältnisse sieht er für IHK-Berufe nicht: Zwischen den Jahren 1996 und 2013 stieg die Zahl der abgeschlossenen Verträge. Trotzdem: „Wir verlieren viele Jugendliche an die Ballungszentren“, so Bourdick. Besonders nach 2020 werde sich die Situation dramatisch verschärfen.

Diskutierte mit Unternehmern aus der Region: Staatssek-retär Schäffer (2. v. re.), hier zusammen mit IHK-Vizepräsident Ekkehart Schieffer (re.), IHK-Hauptgeschäftsführerin Dr. Ilona Lange und Klaus Bour-dick, IHK-Geschäftsführer Berufsbildung (li.).

Diskutierte mit Unternehmern aus der Region: Staatssek-retär Schäffer (2. v. re.), hier zusammen mit IHK-Vizepräsident Ekkehart Schieffer (re.), IHK-Hauptgeschäftsführerin Dr. Ilona Lange und Klaus Bour-dick, IHK-Geschäftsführer Berufsbildung (li.).

80 Prozent der ausbildenden Betriebe sind kleine Unternehmen für die es besonders schwierig ist, geeignete Bewerber für Ausbildungsplätze zu finden. Das kam in der Diskussion deutlich zum Ausdruck: Während große bekannte Unternehmen noch immer aus einem umfangreichen Bewerberpool auswählen könnten, gebe es Betriebe, die aus eigener Kraft schon jetzt ihre freien Lehrstel-len nicht besetzen können. Auch seien zahlreiche Ausbildungsberufe den Jugendlichen schlicht nicht bekannt, beklagen die Ausbildungsverantwortlichen in der Diskussion.

Deshalb hat die Landesregierung mit dem Programm „Kein Abschluss ohne Anschluss“, eine flächendeckende Kompetenzfeststellung ab der 8. Klasse eingeführt. Mit Schnuppertagen in Betrieben und anschließenden längeren Praktika soll den jungen Menschen und den Betrieben ermöglicht werden, besser ausloten zu können, ob der entsprechende Ausbildungsberuf tatsächlich passt. Schon jetzt werden 107.000 Jugendliche vom Programm „Kein Abschluss ohne Anschluss“ erfasst. Bis 2017 sollen alle 500.000 Schülerinnen und Schüler ab der 8. Klasse in NRW und in allen Schulformen durch dieses Verfahren systematisch an die Berufswelt herangeführt werden. „Das ist sowohl für die Jugendlichen als auch für die Unternehmen eine Chance“, warb Schäffer für das Projekt.

Tatsache ist: Viele Unternehmer sind durchaus bereit, über die eine oder andere schlechte Note in einem Zeugnis hinwegzusehen, wenn Interesse, Fähigkeiten und En-gagement des Jugendlichen stimmen. Aber oft mangele es eben auch an Werten, zu viele junge Menschen seien nach dem Schulabschluss noch lange nicht „lebensclever“, wie ein Einzelhändler beklagte.

Gute Erfahrungen haben die Betriebe am Hellweg und im Sauerland deshalb damit gesammelt, eng mit Schulen zusammenzuarbeiten. Sie appellierten an die Politik, sie in der Zukunft in diesem Bereich zu unterstützen – zum Beispiel was die Ausbildung der Lehrer betrifft.

Dr. Wilhelm D. Schäffer, selbst „großer Anhänger“ von dualen Ausbildungs- und Studiengängen, versprach, die Anregungen aus der Region mit nach Düsseldorf zu nehmen. Er dankte den Unternehmensvertretern ausdrücklich für eine sehr „sachliche und aufgeschlossene Diskussion“ und auch für die Bereitschaft, den jungen Menschen die Türen zu öffnen, zum Beispiel für Praktika. „Das Rückgrat der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft in NRW ist die duale Ausbildung“, betonte Schäffer. Das neue Übergangssystem werde eben diese duale Ausbildung stär-ken, denn sowohl die Jugendlichen als auch die Unter-nehmen „werden nicht allein gelassen“.

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